Berichte

Jahresthema 2019

"Antisemitismus anders vermitteln"

Die Konzeptwerkstatt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ steht im abschließenden Arbeits- und Förderjahr 2019 unter dem thematischen Zielsetzung "Antisemitismus anders vermitteln". Der Schwerpunkt in der schulischen Werkstattarbeit wird dabei auf der Fragestellung liegen, wie das Thema "Antisemitismus" auch in anderen Unterrichtsfeldern mit den Methoden der Demokratiepädagogik oder in anderen Kontextverortungen, beispielsweise bei Lehrveranstaltungen zu Themen wie "Rassismus", "Toleranz" oder "Zivilcourage" oder im Rahmen von demokratiepädagogischen Unterrichtsangeboten bearbeitet werden kann. Wie in den Vorjahren wird hierzu wieder eine Auftaktkonferenz mit Expert*innen organisiert, auf der Erkenntnisse der Antisemitismusforschung zusammengetragen, Best-Practice-Beispiele der Vermittlung begutachtet und eigene Ideen entwickelt werden, um daraus pädagogische Konzepte für die schulischen Unterrichtspraxis zu entwickeln.

Das dabei sich stetig fortentwickelnde Netzwerk von Kooperationspartnern soll zudem weiter regional und überregional ausgebaut und parallel zur schulischen Werkstattarbeit für weitere gemeinsame schulische Fortbildungsangebote genutzt werden.

Ebenso wird auch die Arbeitsgruppe "Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft" in der wachsenden Netzwerkstruktur von Kooperationspartner insbesondere aus den jüdischen Gemeinden vor Ort weiter arbeiten und mit möglichst breitenwirksamen Formaten eine Sensibilisierung zu jüdischen Leben vor Ort und zum Themenkomplex "Aktueller Antisemitismus" zu erreichen suchen. Dazu soll eine feste Redaktionsgruppe etabliert werden, die zum einen Termine mit Begegnungs- und Informationscharakter in der Region auf der Projektwebseite zusammenträgt oder auch selbst Veranstaltungsangebote organisiert und kritisch begleitet.

 


„Antisemitismus anders vermitteln"

Vortragsveranstaltungen werfen interessante Schlaglichter auf das facettenreiche Phänomen des Antisemitismus

Eine ungewöhnliche Bilanz zieht der Verein Miteinander leben e.V. nach den ersten Vortragsveranstaltungen im Rahmen des Antisemitismusprojektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“, die von der projekteigenen Arbeitsgruppe „Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft“ im Frühjahr 2019 vorbereitet und durchgeführt worden waren. Mit zwei jeweils kontroversen Themen und streitbaren Referenten sollte dabei der Fokus auf Facetten des Antisemitismus gelegt werden, die in oftmals verborgener Weise, tief in der Mitte der Gesellschaft Akzeptanz finden. Jan Rahtje von der Amadeu Antonio Stiftung führte in seinem mit 70 Zuhörern gut besuchten Vortrag zu Verschwörungstheorien im Ratzeburger Ratssaal versiert und informiert die zahlreichen antisemitischen Narrative dieser Theorien aus. Überraschend für die Arbeitsgruppe war dabei, dass im Vorwege der Veranstaltung, die in Kooperation mit der Ratzeburger Volkshochschule durchgeführt wurde, eine Warnung des Landesverfassungsschutzes ausgesprochen worden war. Mitglieder der regionalen Reichsbürgerszene, so die Informationslage, hätten sich über die Vortragsankündigung intensiv ausgetauscht und in ihren Kommentaren den Verdacht genährt, diese stören zu wollen. Entsprechend mussten Vorbereitungen mit der örtlichen Polizei, mit dem Referenten und dem Moderationsteam des Abends getroffen werden, Maßnahmen, die für alle Beteiligten doch eher ungewöhnlich und neu waren. Im Ergebnis verlief der Vortragsabend diskursiv, aber störungsfrei, was vielleicht auch an dem großen engagierten Publikumskreis gelegen haben kann, der in seinen Beiträgen schnell deutlich machte, dass Argumente von Reichsbürgern wenig Resonanz finden würden. Personen, die sich dieser Szene zurechnen, konnten zumindest nicht erkannt werden.

Vortrag mit Jan Rathje im Ratzeburger Ratssaal zum Thema Verschwörungstheorien

Vortrag mit Jan Rathje im Ratzeburger Ratssaal zum Thema "Verschwörungstheorien"

Die zweite Vortragsveranstaltung mit dem in Israel lebenden Journalisten Ulrich Sahm im Möllner Stadthautmannshof, verlief in anderer Weise überraschend. Sein Thema, die Darstellung einer israelischen Perspektive auf aktuelle innen- und außenpolitische Themen, wurde von den rund 40 Besucher*innen interessiert, aber auch kritisch kontrovers verfolgt. Insbesondere Sahms Darstellungen zum aktuellen, hartgeführten Wahlkampf in Israel und die israelische Sicht auf Benjamin Netanjahu, riefen Widerspruch im Publikum hervor, dass sich gut informiert zeigte. Allerdings konnte der Referent hier vielfach geschickt und auch vehement hinterfragen, worauf sich solche Informationen und Einschätzungen gründen würden. In diesen Gesprächsverläufen, denen Sahm seine eigenen Beobachtungen aus Israel entgegenstellte, wurde ein ums andere Mal deutlich, wie schnell zum Thema „Israel“ aus Informationen auch Haltungen würden. Sahm machte deutlich, dass ihm dieses in seinen Vorträgen immer wieder begegnen würde und wunderte sich, ob dies auch bei Vorträgen zu andere Staaten in solcher Weise der Fall sei. Zu Israel scheinen, so Sahm, ganz viele Menschen ganz viel Kritisches zu wissen und dieses auch mit Bestimmhet zu vertreten, wahrnehmbar auch viel deutlicher, als zu gegenüber anderen Staaten, deren Politik Kritik rechtfertigen würde. Dies sei, so Sahm, eine Beobachtung, die er bis heute mehr zumindest eigenartig finde.

Vortrag mit Ulrich Sahm zu Israelischen Perspektiven im Möllner Stadthauptmannshof

Vortrag mit Ulrich Sahm zu "Israelischen Perspektiven" im Möllner Stadthauptmannshof

Vorwürfe, er würde die Situation in Israel, insbesondere dessen Politik in der Auseinandersetzung mit den Palästinensern, verharmlosen, ließ Sahm mit Verweis auf die Fragestellung des Abend, die israelische Sicht der Dinge zu vermitteln und deshalb auch palästinensische Positionen kritisch darzustellen, wiederum nur eingeschränkt gelten. Interessant im Gefüge des kontroversen Vortrages war auch hier eine Reaktion im Vorwege. So erhielt der Verein Miteinander leben e.V. kurz nach Ankündigung des Vortrages und des Referenten eine Email einer Person aus Frankfurt am Main, die sich vehement gegen den Auftritt des Journalisten aussprach und ihm vorwarf, als Apologet Israels aufzutreten und im Konflikt mit den Palästinensern parteiisch im Sinne der Regierung Netanjahus zu sein. Mit Hinweis auf das durchaus kritische und selbstständig denkende Publikum im ländlichen Raum wurde dieses Ansinnen zurückgewiesen und erwies sich auch mit Blick auf den Vortragsverlauf als substanzlos. Erstaunlich bleibt dabei, dass eine kleine Vortragsveranstaltung in Mölln Wellen bis nach Frankfurt am Main schlagen kann.

 


„Antisemitismus anders vermitteln"

Start des letzten Werkstattjahres mit einem weiteren Fachgespräch

Mit einem Fachgespräch im Februar ist die Konzeptwerkstatt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ in ihr abschließendes Arbeits- und Förderjahr 2019 gestartet. Nach den Jahresthemen „Frühe Prävention“ (2016), „Antisemitismus im Kontext von Migration“ (2017) und „Begegnungen mit jüdischem Leben“ (2018) heißt das Jahresthema 2019 „Antisemitismus anders vermitteln". Es steht dabei die Fragestellung im Fokus, wie das Thema "Antisemitismus" auch in anderen Unterrichtsfeldern oder in anderen Kontextverortungen, beispielsweise bei Lehrveranstaltungen zu Themen wie "Rassismus", "Toleranz", "Zivilcourage" oder im Rahmen von demokratiepädagogischen Unterrichtsangeboten bearbeitet werden kann.

Referent Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung erörterte zusammen mit Projektleiterin Gabriele Hannemann sowie mit Nadeshda Gerdt und Ercan Kök, die für den Verein Miteinander leben e.V. seit vielen Jahren sehr umfangreich mit dem „mobilen demokratietheater“, dem Zivilcouragetraining „STOP IT“ oder dem „TOLERANZTRANING“ an den Schulen Schleswig-Holsteins unterwegs sind, wie antisemitische Phänomene der Gegenwart in ganz unterschiedlichen Kontexten mit jungen Menschen thematisiert und diskutiert werden können. Er gab dabei zunächst einen Überblick über aktuelle Formen des Antisemitismus und zeigte anschließend anhand von Fallbeispielen, wie sich Elemente aus diesem Phänomenbereich in das jeweilige Trainingsangebot im Sinne einer punktuelle Verquickung integrieren lassen.

Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung gibt einen Überblick über aktuelle Formen des Antisemitismus

Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung gibt einen Überblick über aktuelle Formen des Antisemitismus

Jan Rathje verwies dabei vor allem auf den Kontext der Verschwörungstheorien, die aus seiner Sicht besonders geeignet erscheinen, um mit jungen Menschen zum Thema Antisemitismus ins Gespräch zu kommen. Ebenso wurde das verbreitete Phänomen des „Labelings“ oder Etikettierens von Menschen erörtert, das anstatt des Menschen nur noch ein Stereotyp und im schlimmsten Fall ein Feindbild wahrnehmen lässt, als „Juden“, als „Muslime“ oder auch als „Neonazis“. Hier sah insbesondere Ercan Kök, dessen TOLERANZTRAINING grundlegend die allgemeinen Menschenrechten und das damit verbundene Menschenbild thematisiert, gute Ansätze, auch antisemitische Vorurteile mit Schüler*innen diskutieren zu können.

Auch das Phänomen von Antisemitismus in der Rapmusik-Szene wurde als geeignet erachtet, um mit jungen Menschen an der Wahrnehmung von antisemitischen Äußerungen und deren Einordung zu arbeiten. Dies könnte beispielsweise im Rahmen des sich neuformierenden Jugendmedienprojektes „CyberRight!“, welches Ercan Kök aktuell auf Basis von Lehrmodulen des Deutschen Volkshochschulverbandes für den Verein Miteinander leben e.V. entwickelt, zum Inhalt gemacht werden.

Theaterpädagogin Nadeshda Gerdt hatte überdies die Idee, das Thema der Verschwörungstheorien im Rahmen eines eigenständiges Schul-Theaterprojekt zu bearbeiten. Hierzu könnte an Schulen im Rahmen von Projektwochen entsprechende Szenen diskutiert, erarbeitet und schließlich in Form von jeweils eigenständigen Stücken zur Aufführung gebracht werden.

Vereinbart wurde, dass sich alle Projektmodule des Vereins Miteinander leben e.V., die an den Schulen des Landes mit ihren demokratiestärkenden Angeboten wirken, stärker miteinander vernetzen, um Unterrichtserfahrungen auszutauschen, von den unterschiedlichen Unterrichtsmethoden zu profitieren und auch gemeinsame Unterrichtsgestaltungen voranzutreiben.

Am Fachgespräch beteiligte sich auch die projekteigene Arbeitsgruppe „Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft“, die unterschiedliche Veranstaltungsformate mit Blick auf jüdisches Leben in der Region organisiert oder vermittelt. Als Gast war zudem Joshua Vogel aus Kiel angereist, der die neugeründete Arbeit der landesweiten Informations- und Dokumentationsstelle Antisemitismus (LIDA –SH) vorstellte und ein weitgehendes Vernetzungsinteresse mit dem Werkstattprojekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ signalisierte.

 


„Antisemitismus anders vermitteln"

Theaterschauspiel „ROSE“ regt Unterrichtsgespräche in der Möllner Gemeinschaftsschule an

Seit 2002 arbeitet der Verein Miteinander leben e.V. mit dem Projekt „OPEN MIND – Leben mit dem gelben Stern“ intensiv zum Thema „Antisemitismus“ an Schulen in der südöstlichen Region Schleswig-Holsteins, eine Arbeit, die seit 2016 im Rahmen einer vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Modellprojekt geförderten Konzeptwerkstatt gezielt auch die aktuellen Phänomene des Antisemitismus in den Blick nimmt. Projektleiterin Gabriele Hannemann, erarbeitet dabei gemäß des Projekttitels „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ für Schulen konzipierte Unterrichtseinheiten und Lehrmodule, die Antisemitismus und jüdisches Leben nicht nur in der historischen Perspektive des Holocaust behandeln. Dazu gehören Einblicke in Verschwörungstheorien oder den Nahostkonflikt, Präventionsangebote, die bereits in der Grundschule ansetzen können, aber auch Begegnungsformate mit vor allem jungem jüdischen Leben heute.

In ihrem nunmehr dritten Arbeitsjahr öffnet sich die Konzeptwerkstatt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ des Vereins Miteinander leben e.V. für alternative Formate, um das Thema „Antisemitismus“ in Schulen zu platzieren und dort insbesondere auch zu einer Beschäftigung mit den aktuellen Facetten dieses Phänomens anzuregen. Wissend, dass Lehrkräfte nur über begrenzte Zeitkontingente verfügen, um sich intensiver mit gesellschaftlichen Problemlagen, wie sie sich aktuell auch im zunehmenden Antisemitismus zeigen, auseinanderzusetzen, stehen dabei punktuell passgenaue Angebote im Fokus des Werkstattinteresses, die geeignet scheinen, ein gezieltes Schlaglicht auf einen komplexen Problemkontext zu werfen. Das können Theater- oder Filmaufführungen sein, Zeitzeugenbegegnungen, wie auch Begegnungen mit gleichaltrigen Jüdinnen und Juden oder Unterrichtsinhalte, die im Rahmen der weiteren demokratiepädagogischen Schulangebote des Vereins, aktuelle Formen des Antisemitismus exemplarisch thematisieren.

Ein erster Feldversuch in dieser Form wurde im Februar mit den 09. und 10. Klassen der Möllner Gemeinschaftsschule durchgeführt. Die Hamburger Schauspielerin Angela Röders gastierte dort mit dem Solostück „Rose“ von Martin Sherman, welches im Vorjahr bereits von der Projektarbeitsgruppe „Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft“ unter großen Zuschauerzuspruch in der Gemeinde Mustin gezeigt wurde.

Angela Röders spielt „ROSE“ in der Gemeinschaftsschule Mölln

Angela Röders spielt „ROSE“ in der Gemeinschaftsschule Mölln
(Fotos: Gemeinschaftsschule Mölln)

Rose ist die Lebensgeschichte einer Jüdin im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, die Geschichte einer Frau, die Witz, Humor, Weisheit, Geist, Gefühl und Lebenskraft in sich vereinigt. Rose erzählt vom Untergang der jiddischen Kultur, von der Kluft zwischen liberalen und orthodoxen Israelis und von der Entfremdung zwischen Israelis und Juden aus der Diaspora in der „Alten Welt“. Rose überlebt als einzige in ihrer Familie den Holocaust und nimmt in Amerika tatkräftig am wirtschaftlichen Aufschwung teil. Doch ihr Sohn Abbie wandert nach Israel aus, und ausgerechnet sein Sohn wird eines Tages unter dem Einfluss ultraorthodoxer Siedler ein Palästinenser-Mädchen erschießen, für das Rose Shivá sitzt. Hier schließt sich der Kreis des Verstehens zwischen früher und aktueller Geschichte. Rose fragt nicht nach Religion, Kultur, nach Bildung und sozialer Herkunft, für sie zählt nur der Mensch und sein Recht auf Würde. Sie fordert nicht den Hass und die Vergeltung, sondern fördert die Liebe in jedem von uns.

Schauspielerin Angela Röders hat bereits Erfahrungen mit dem Stück an Hamburger Schulen sammeln dürfen, das ob der umfassenden Darstellung von jüdischer Geschichte bis in unsere Gegenwart hinein, sehr viele Gesprächsansätze für einen nachbereitenden Unterricht bietet. Eine Erfahrung, die sich so auch im Rahmen der Aufführung in der Möllner Gemeinschaftsschule wiederholte:
„Im Rahmen der Woche zum Gedenken der Befreiung der Opfer von Auschwitz hatten wir im Januar die Gelegenheit, die Schauspielerin Angela Röders mit dem Solostück „Rose“ in unserer Schule begrüßen zu dürfen. Einige Schüler*innen der 9. und 10. Klassen haben sich im Vorwege mit dem Judentum, dem Holocaust und dem Nahostkonflikt beschäftigt und konnten anhand der Aufführung erkennen, wie all diese Themen Einfluss auf das Leben einer einzigen Person nehmen konnten. Im Anschluss an die Aufführung gab es klasseninterne Gesprächsrunden, in denen Fragen geklärt wurden und über die vielen Themen des Stücks gesprochen werden konnte“, resümierte die Schulleitung diese Darbietung.

Dabei zeigte sich einmal mehr, dass eine punktuelle, aber kontinuierliche Beschäftigung mit Antisemitismus und jüdischem Leben im Unterricht, sowohl zu einem merklich wachsenden Interesse am Thema des Antisemitismus insgesamt wie auch zu einer höheren Sensibilität gegenüber dessen aktuellen Formen in den Schulen führt. Die Möllner Gemeinschaftsschule ist aus Sicht des Projektträgers der Konzeptwerkstatt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ beispielhaft in ihrer Offenheit für dieses Themenfeld, sowohl was die Teilnahme an Lehrerfachfortbildungen oder an Lehrerexkursionen zur Holocaustgedenkstätte Yad Vashem im Rahmen der über den Verein Miteinander leben e.V. vermittelten Partnerschaft mit dem Land Schleswig-Holstein anbetrifft als auch im Rahmen eigener Projektinitiativen. So haben Schüler*innen des Wahlfaches „Darstellendes Spiel“ der Klassenstufe 10 jüngst in Eigenregie das Stück „1939: Damals war es die St. Louis“ erarbeitet und einstudiert, das einen breiten Themenbogen von Flucht und Vertreibung über Heimat und Identität bis hin zu Antisemitismus auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen spannt.

Schüler*innen des Wahlfaches Darstellendes Spiel der Gemeinschaftsschule Mölln zeigen das Theaterstück 1939: Damals war es die St. Louis

Schüler*innen des Wahlfaches Darstellendes Spiel der Gemeinschaftsschule Mölln zeigen das Theaterstück 1939: Damals war es die St. Louis

Schüler*innen des Wahlfaches „Darstellendes Spiel“ der Gemeinschaftsschule Mölln zeigen das Theaterstück „1939: Damals war es die St. Louis“
(Fotos: Gemeinschaftsschule Mölln)

Anstoß dazu gab eine Studienreise von Kursleiter Jörg Rüdiger Geschke, der über Vermittlung der Konzeptwerkstatt ZUGÄNGE SCHAFFEN im Rahmen einer Lehrerexkursion die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchte und dort an einem einwöchigen Bildungsprogamm der International School for Holocaust Studies teilnahm. Im Zuge der Seminararbeit wurde er auf die Geschichte des Schiffes „St. Louis“ aufmerksam und schlug nach seiner Rückkehr an die Gemeinschaftsschule Mölln seinen Schüler*innen vor, hieraus ein Theaterstück zu entwickeln. Im Ergebnis entstand eine beeindruckende Auseinandersetzung mit einem Stoff, an den die Schüler*innen immer wieder mit eigenen Alltagserfahrungen anknüpfen konnten, der aber auch zu einem vertiefenden Verständnis der Wirkmechanismen von Antisemitismus führte. Im März wird das Theaterstück „1939: Damals war es die St. Louis“ von den Schüler*innen der Möllner Gemeinschaftsschule noch einmal als Beitrag eines großen Projektes in den Kreisen Lauenburg und Stormarn zum Thema „Flucht und Vertreibung“ öffentlich im Stadthauptmannshof aufgeführt.

 


Zeitzeuge Tswi Josef Herschel

brachte eine starke Botschaft gegen Unrecht in die Gemeinschaftsschule Lauenburgische Seen

Eine in vielerlei Hinsicht berührende und beeindruckende Lebensgeschichte durften Schüler*innen der Gemeinschaftsschule Lauenburgische Seen vergangene Woche im Rahmen eines Begegnungsgespräches mit einem Überlebenden des Holocaust erfahren. Tswi Josef Herschel aus Israel stellte den Jugendlichen seinen "Lebenskalender" vor, ein einzigartiges Dokument bestehend aus 24 Bildern einer Lebensvision, gezeichnet von seinem Vater, so wie er sich es für seinen Sohn vorgestellt und gewünscht hatte. Tswi Herschel, geboren 1942 im holländischen Zwolle, durfte seinen Vater Nico und seine Mutter Ammy nie kennenlernen. Seine Eltern gaben ihn 1943, wissend das ihr eigener Weg aus dem Amsterdamer Ghetto in den Tod führen würde, im Alter von sechs Monaten in die Hände einer befreundeten niederländischen Familie, die ihn fortan als eigenes Kind mit dem Namen Henk großzog. Tswi Josef Herschel ahnte als Henk nichts von seiner jüdischen Identität und auch nichts von der großen Gefahr, die seine Pflegefamilie auf sich nahm, um ihn vor den Nazischergen zu verstecken.

Tswi Josef Herschel erzählt Ratzeburgern Schüler*innen seine berührende Lebensgeschichte

Tswi Josef Herschel erzählt Ratzeburgern Schüler*innen seine berührende Lebensgeschichte

Erst als nach dem Krieg seine Großmutter Rebecca, die einzige Überlende der Familie, erschien und ihn völlig unvermittelt und für ihn traumatisch zu sich nach Rotterdam holte, begann seine Suche nach seiner wahren Identität. Von seiner Großmutter, die den Holocaust überlebte, aber ihr Leben traumatisiert blieb, erfuhr er nur wenig über seine Herkunft. In seiner wachsenden Neugier setzte er sich über ihre Verbote hinweg und begann heimlich in ihren Unterlagen zu suchen. Er stieß auf die Namen seiner Eltern und erhielt als Jungerwachsener schließlich weitere Papiere, darunter seinen „Lebenskalender“, das Vermächtnis seines Vaters. Er erfuhr in vielen Jahren der Recherche, was aus seinen Eltern wurde, als sich ihre Wege in Amsterdam trennten. Über das holländische Judendurchgangslager Westerbork führte ihr Weg noch im gleichen Jahr direkt in den Tod im Vernichtungslager Sobibor. Tswi Herschel besuchte diesen Ort im südöstlichen Polen, der noch von den Nazis zum Zwecke der Vertuschung abgebrochen worden war und heute ein beklemmendes Waldstück über Massengräbern ist.

Seine jüdische Identität wurde für Tswi Herschel in der Folge immer bedeutsamer, insbesondere auch durch die Erfahrung, dass er vormals als Henk niemals eine Form von Ausgrenzung erfahren musste, aber als Tswi den zunehmenden Antisemitismus im Nachkriegsholland ganz persönlich erlebte. So reifte in ihm der Wunsch, ein Leben ohne die alltäglichen, mal subtil, mal offen geäußerten Anfeindungen, zu führen. Er emigrierte 1986 mit seiner Familie nach Israel, ganz wie sein Vater es sich in seinem "Lebenskalender" für ihn gewünscht hatte und widmete sich in den Folgejahren zunehmend der Versöhnungsarbeit, als Botschafter der Geschichte, der eine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen hat und dies mit stets offen und mit ausgestreckter Hand tun möchte. Vor den rund 50 Schüler*innen der Ratzeburger Gemeinschaftsschule aus der 10. Jahrgangsstufe, war es ihm besonders wichtig zu betonen, dass es ein junges holländisches Mädchen im Alter von 17 Jahren war, die ihn damals unter Lebensgefahr aus dem Amsterdamer Ghetto geschmuggelt und damit in unglaublicher Weise Zivilcourage bewiesen hatte. Erst viele Jahre später, so Tswi Herschel, habe er diese Frau ausfindig gemacht und sie aus Israel angerufen: "Sie wusste sofort, wer ich bin", beschrieb Tswi Herschel dieses erste, sehr bewegende Telefonat. Solch einen Mut, so Tswi Herschel, wünsche er sich von allen Menschen, im Angesicht von Unrecht tätig zu werden.

Natalie Herschel berichtet von ihrem Familienbaum mit nur noch wenigen Zweige

Natalie Herschel berichtet von ihrem Familienbaum mit nur noch wenigen Zweige

Dessen Tochter Natalie, die ihren Vater auf den wiederkehrenden Reisen nach Deutschland begleitet, ergänzte seinen Lebensbericht, mit der eigenen Erfahrung, in einer Familie aufzuwachsen, der die Vergangenheit in großen Zügen fehlt. Sie beschrieb einen verkrüppelten Familienbaum, ohne jegliche Großeltern und mit vielen weiteren Ästen, die im möderischen Holocaust verdorrten.

In der anschließenden Gesprächsrunde, fragte eine Schülerinnen beinahe zweifelnd, ob Tswi Herschel heute überhaupt glücklich sein könne? Er bejahte dies mit Verweis auf seinen Lebensweg ganz im Sinne des beschriebenen "Lebenskalenders" und auf seine wachsende Familie und vor allem mit Blick auf diese Begegnungen mit jungen Menschen, die ihm zuhören würden und in die er seine Hoffnung setze, dass solche eine Zeit des totalen Unrechts sich niemals wiederholen mag.

Das Zeitzeugengespräch wurde im Rahmen des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ des Vereins Miteinander leben e.V. in Mölln ermöglicht, das sich die Prävention von Antisemitismus in all seinen Facetten zum Ziel gesetzt hat und über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Modellprojekt gefördert wird. Dabei unterstützte der Verein Yad Ruth e.V. aus Hamburg, der regelmäßig Überlebende des Holocaust nach Norddeutschland zu Schulbesuchen einlädt.